Donnerstag, 24. September 2009

Wie wir leben, Teil 1




Am besten beginne ich mit dem normalen Tagesablauf. Zwischen sieben und halb acht stehe ich gewöhnlich auf. Nichts drängt mich, kein Wecker, kein Termin, keine Arbeit. Meine Frau Deng steht meist um die gleiche Zeit auf. Seit vielen Jahren schlafen wir in getrennten Zimmern. Wir setzen uns auf die Veranda, die zur Straße hinausgeht, und trinken unseren Kaffee. Ich füttere die zahlreichen Minifische in der großen Schale mit Seerosen. Dazu läuft stets die gleiche CD mit Flötenmusik aus dem Norden. Diese halbe Stunde ist uns sehr wichtig. Oft ist da nur schweigende Kommunikation mit den Pflanzen und den Vögeln. Ich achte auf meinen Atem und spüre in die Natur hinein und bekomme meine inneren Impulse. Und wir besprechen die Pläne für den Tag oder was es sonst noch zu klären gibt. Ich habe mir angewöhnt, ihr nicht viele Fragen zu stellen, wenn sie sich z.B. wieder mal über die Familie aufregt. Wenn die Zeit reif, wird sie mir erzählen, was ich wissen muss. Während ich dann frühstücke, räumt Deng die Küche auf. Ich esse bewusst und mit Genuss und bin durch die großen Glastüren mit der Natur verbunden. Dann trinken wir wieder Kaffee auf der Veranda und sie raucht weiter eine Zigarette. Ich habe vor einem Jahr damit aufgehört.

Es ist das ganze Jahr die gleiche Routine. Die Sonne ist lange aufgegangen und das Thermometer zeigt in der Regel um die 29 Grad. Wenn es in der kühlen Jahreszeit mal 24 Grad hat, ziehe ich meine Pantoffeln an und wir duschen mit warmem Wasser. Die Nachbarn sind zur Arbeit, es ist ruhig in der Straße. Nur die Vögel sind laut. Es ist nach acht, wenn meine Frau anfängt, sich um die Pflanzen im Garten zu kümmern und ich nach oben an den PC gehe. Auch hier der gleiche Ablauf: ich schaue nach emails und lese die Nachrichten aus Thailand und Deutschland -die Tagesschau läuft um diese Zeit ruckelfrei und in der Ausgabe der Schwäbischen Zeitung lese ich auch die Stadtnachrichten, den Wetterbericht und die Traueranzeigen- und dann sehe ich mir die neuesten Beiträge im Thailandforum an. Es folgt die Morgentoilette, wobei das Duschen ein meditativer Akt ist. So zwischen halb neun und zehn beginne ich dann mit meiner täglichen Arbeit: ich säubere den Garten von heruntergefallenen Blättern. Alle 3-4 Tage gehen ich Wasser holen. Nein, nicht vom Dorfbrunnen. In der Nähe gibt es einen Automaten, an dem man gefiltertes Wasser abfüllen kann, 1 Liter für 1 Baht. Wir verwenden es zum Kochen und Trinken und Zähne putzen. Das Wasser aus der Leitung behält trotz Filteranlage, die wir nicht haben, einen Beigeschmack.

Wenn ich sonst nichts für meine Gattin zu erledigen habe, z.B. die Waschmaschine füllen oder ihr einen Kaffee bringen, zünde ich ein Räucherstäbchen vor dem Buddha an (das ist ein japanischer und der darf zur Dekoration auf der Veranda stehen, unterhalb Kopfhöhe), setze mich daneben und lese in einem Zenbuch. Dazu lasse ich ruhige Musik laufen und trinke etwas Sake (oder Sato, die billigere Variante) oder kalten Tee aus Zitronengras, den Deng selbst gekocht hat. Dann muss ich nur noch die Zeit bis zum Mittagessen überbrücken. Ich kann einen englischsprachigen Film im TV ansehen oder im Internet surfen. Falls jemand fragt, ob mir nicht langweilig ist: niemals. Langeweile entsteht nur, wenn man den gegenwärtigen Moment nicht annehmen kann, wenn man meint, woanders sei es interessanter. Welch ein Unsinn zu sagen: jetzt habe ich eine halbe Stunde Zeit verloren, weil ich einen Umweg fahren musste oder warten musste! Es ist immer Jetzt, immer Gegenwart. Allerdings kann man sich auch Zeit stehlen lassen, z.B durch zu viel Fernsehen. An Zeit bin ich in Thailand reich. Seit vielen Jahren trage ich keine Uhr und hier kümmert es mich nicht, wo ich um welche Zeit mich aufhalte. Ich lebe jeden Augenblick bewusst und zufrieden. Oft kommt es mir in den Sinn, wie glücklich ich doch bin. Das Leben ist schön.

Nach dem Mittagessen mache ich mein gewohntes Schläfchen. Zuvor ein kurze Meditation auf dem Bettrand. Wenn wir nicht außer Haus gehen, surfe ich im Internet, helfe im Garten, indem ich z.B. den Wasserschlauch ausrolle, mit dem Deng den Garten gründlich gießt, lese, sehe fern oder besuche meinen deutschen Nachbarn. So ein Tag zu hause hat den Vorteil, dass wir Geld sparen. Eigentlich hätte ich mehr zu tun: emails und Briefe schreiben oder die Thaischrift und -sprache lernen. Aber mir geht es wie dem Zenmönch Ryokan, der im Spiel mit den Kindern oder in der Betrachtung der Natur vergaß, was er eigentlich vorhatte.

Um halb sieben wird es dunkel, das ganze Jahr über. Die Strassenbeleuchtung geht an und brennt die ganze Nacht. Ich lese nochmals online die Nachrichten und die Neuigkeiten im Forum. Deng muss ab halb neun ihre Seifenopern sehen und ich muss ihr Gesellschaft leisten und ihr die Beine massieren und die Füsse kratzen. Dabei entspanne ich mich am Notebook, indem ich mir unter Verwendung von Kopfhörern alte Filme oder Komödien im Internet ansehe. Vor elf gehen wir dann zu Bett. Natürlich verlaufen nicht alle Tage so. Dies kann nur ein Abriss sein, ein Einstieg.

Kommentare:

Ebi hat gesagt…

Hallo Khun Han,
mich nennen hier alle Khun Ebi, oder Khun AB, wegen der Aussprache. Ich freue mich sehr Deinen Blog gefunden zu haben, mal wieder über Ben, der Mann ist ein guter Netzwerker.
Ich habe gerade Zen Computer gelesen, vielleicht kennst Du das Buch, wenn nicht schicke Ich Dir mehr Infos. Was ich eigentlich sagen will, ich bin ein ganz bischen vom Buddhismus geprägt und freue mich Deine Beiträge mit diesem Fokus zu lesen und zu verstehen. Ich habe vorher in Deutschland mit Buddhisten der westlichen Prägung zu tun gehabt und habe oft gedacht denen würde der realexistierende Buddhismus in Thailand gut tun, Es ist ja eher schon eine kapitalistischer Buddhismus ;-)
So jetzt is gut, und Kommentare tun immer gut wenn man blogt.
Guck mal:
http://khunebi.samuifinder.com
Thats more about me.

L G
Ebi

Khun Han hat gesagt…

Ja, Khun Ebi, Kommentare tun gut. Danke! Deinen Blog werde ich mir zu Gemüte führen, das Buch kenne ich nicht. Ich denke, ich muss mal auf das Thema "Erleuchtung" eingehen.

Dein Koenig hat gesagt…

Langeweile entsteht nur, wenn man den gegenwärtigen Moment nicht annehmen kann, wenn man meint, woanders sei es interessanter.

Das hat mir sehr sehr gut gefallen. Danke. Das hilft mir echt weiter.